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»Die Erkenntnis, daß die Farbe in der Malerei das primäre Element ist, müßte zu ihrer Neuentdeckung führen.«
(Tagebuch, um 1950, S. 172)

Seit Anfang der fünfziger Jahre steigt Rupprecht Geigers öffentliches Ansehen kontinuierlich. Für sein Werk ›E 75‹, 1949 (WV 40), wäre ihm, wenn er zum Zeitpunkt der Preissauschreibung die Altersgrenze von 40 Jahren nicht bereits überschritten hätte, von einer internationalen Jury der amerikanische Blevin-Davis-Preis verliehen worden. Dieses Werk steht exemplarisch für die damalige Schaffensphase Geigers: Wenige vereinzelte, geometrische und/oder organische, teilweise in sich farblich modulierte Formen werden auf Farbverläufe platziert. Dem Betrachter gewähren diese Bilder Blicke in farbige Räume ohne örtlichen Bezug oder Perspektive. Farb-, Hell-Dunkel- und Kalt-Warm-Kontraste dienen bereits hier zur Wiedergabe der immanenten Eigenschaften der Farbe.


Die architekturspezifischen Eigenschaften – Erdgebundenheit, Materialität, Schwere – werden aufgehoben, ein Gestaltungsprinzip, das in der künstlerischen Gestaltung der Fassade des Münchner Hauptbahnhofs zu erkennen ist. Die mosaikartig zusammengefügten Aluminiumplatten scheinen aufgrund der indirekten Beleuchtung zu schweben. Es ist sein erster öffentlicher Auftrag im Bereich der Kunst am Bau. Bis Mitte der sechziger Jahre entstehen noch einige Glasklebebilder in Stockdorf, München und Wuppertal, bei denen keine Leuchtstoffröhren, sondern das Tageslicht die farbigen Glaselemente zum Leuchten bringen.


Nach der viel diskutierten Ausstellung der Künstlergruppe ZEN 49 im Central Art Collecting Point in München im Jahre 1950 folgen Teilnahmen an wichtigen internationalen Ausstellungen, so z. B. 1953 an der Ausstellung Deutsche Kunst. Meisterwerke des 20. Jahrhunderts in Luzern oder 1959 an der Biennale in São Paolo und an der zweiten documenta. Trotz zahlreicher weiterer Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland und seinen ersten Einzelausstellungen – 1953 in der Münchner Galerie Otto Stangl und in der Kölner Galerie der Spiegel, 1956 in der Stockholmer Galerie Samlaren, 1957 in der Pariser Galerie Iris Clert – kann er noch nicht von seiner Kunst leben und arbeitet weiterhin als Architekt zusammen mit seiner Frau Monika an verschiedenen Privathäusern und Siedlungen in und um München.


Sein Werk wird aber bereits vereinzelt gewürdigt. 1951 erhält er den renommierten Domnick-Kunstpreis der Staatsgalerie Stuttgart für das Werk ›E 105‹, 1950 (WV 69). Neben dem Salomon-Guggenheim-Preis, New York (1959) wird ihm 1958 auf der ersten internationalen Triennale für Farbgrafik in Grenchen, Schweiz, der dritten Kunstpreis für die Serigrafie ›Schwarzes Rund an Blau und Grün‹ (WVG 20) verliehen.


Während Rupprecht Geiger Ende der vierziger Jahre mit der (Farb-)Lithografie experimentiert, entdeckt er bereits 1952 die Serigrafie, die man als ›sein‹ Druckverfahren schlechthin bezeichnen kann. Bis Ende der fünfziger Jahre arbeitet er parallel mit beiden Techniken, bevor er sich bis zuletzt fast ausschließlich auf die Serigrafie konzentriert. Diese Drucktechnik ermöglicht nicht nur äußerst subtile Farbmodulationen, sondern die Entstehung von Serien in verschiedenen Farbvariationen und die Anwendung der Tagesleuchtpigmente.


Die produktivste Phase sind die sechziger Jahre. Rupprecht Geiger arbeitet mit zahlreichen Herausgebern (Galerien, Kunstvereine, Museen und Verlage) an Einzeleditionen, Serien und Mappen. Im Siebdruck entstehen auch Plakate, so z. B. für Ausstellungen oder für die Konzertreihe ›Musica viva‹. Bei diesen, deren Typografie sein Sohn Lenz Geiger macht, bekommt er von der Stadt München die Vorgabe, seine starke Farbgebung ein wenig zurückhaltender zu gestalten, da sie im Stadtbild als zu störend empfunden werden könnte. Anlässlich der Ausstellung seines gesamten grafischen Werkes im Kunstverein Wolfsburg, erscheint das erste ›Werkverzeichnis der Graphik 1948–1964‹, vom Galeristen Rolf Schmücking bearbeitet.

Rupprecht Geiger im Atelier, München 1963
Rupprecht Geiger im Atelier, München 1963; Foto: Maria Wetzel

In diesen Jahren besinnt er sich immer mehr auf die einfache Form:

»Die Vielfalt abstrakter Formen mit ihren oft skurrilen Umgrenzungslinien lenkt von der Farbe ab, während bei archetypen Formen, wie Rechteck und Kreis, die Farbe unbeeinflußt hervortreten kann. Um die Farbe noch besser analysieren zu können, übertrage ich das Kompositionsprinzip des Kontrapunktes auf die Farbe und gebe einer Grundfarbe eine Kontrastfarbe als Exponent zur Seite.«
(Ausst.Kat. Berlin 1985, S. 108)

Sein Formenvokabular beschränkt er also auf elementare Formen, damit sich der Betrachter auf die Wahrnehmung der Farbe konzentrieren kann. Die formale Reduktion wird mit einer strengen und klaren Komposition verbunden: Auf ein moduliertes Farbfeld setzt Rupprecht Geiger eine Kontrastfarbe (Exponent/Kontrapunkt) auf, um die Intensität der Modulation und deren Farbe noch zu steigern. Von Mitte der fünfziger bis Mitte der sechziger Jahre arbeitet er vorwiegend in Öl.


Seit den fünfziger Jahren beschäftigt sich Rupprecht Geiger, angeregt durch die ersten Weltraumforschungen, mit den Erfahrungen von Zeit und Raum. 1961 entsteht das Werk ›361/61 (Gagarin)‹ (WV 333), dessen Titel sich auf den sowjetischen Kosmonauten Juri Gargarin bezieht, der als erster Mensch die Erde umkreist. Weitere Werktitel lassen erkennen, welche Reiseorte besichtigt werden: Rupprecht Geiger besucht beispielsweise 1964 seinen Sohn Florian in Marokko, der in einem Architekturbüro in Casablanca arbeitet, und malt anschließend ›Boumalne‹ (WV 395), ›Tafraoute‹ (WV 396) und ›Tinerhir‹ (WV 397), sowie ›Goulimine‹ (WV 368). Dieses letzte Gemälde wird u. a. auf der dritten documenta in Kassel 1964 gezeigt.